Die Soziologische Systemtheorie von Niklas Luhmann geht von verschiedenen Prämissen aus, die dem ‘gesunden’ Verstand zunächst unsinnig erscheinen. Doch ist ihr Ansatz für die Aussagen der Astrologie wie geschaffen; Aussagen, die für manchen fragwürdig erscheinen, weil sie keine allgemein anerkannte Grundlage besitzen. Warum soll ein Löwe mutiger sein als eine Jungfrau? Was hat das Datum der Geburt mit unserem Werdegang zu tun? Wie kann man von dem Lauf von Planeten auf die Zukunft eines Menschen schließen? Die knappe Antwort darauf ist: Weil wir uns anhand von sinnbehafteten Symbolen organisieren und in der Sprache nach Ordnungen suchen, die uns Möglichkeiten für sinnhafte Handlungsvariationen aufzeigen. Sinn ist für Luhmann die Differenz von Aktualisierung und Möglichkeit. Wir müssen in sozialem Miteinander immer wieder neue Deutungen kreieren, um den sich wandelnden Bedingungen gerecht zu werden. Jede Beobachtung ist eine Selektion zwischen Möglichkeiten und zieht die Notwendigkeit der Aktualisierung der Wahrnehmung nach sich.  Bewusstsein ist mit Husserl, dem Luhmann hierin folgt,  immer Bewusstsein von etwas, es richtet sich auf ein potentielles Ziel, dass es zu erreichen gilt.

 

In diesem ‘Sinne’ gibt es keinen Unsinn. Dies ist die erste Prämisse Luhmanns, die sich schon in seiner frühen Auseinandersetzung mit Habermas von 1971 findet. Jede Deutung, jede Begrifflichkeit zieht weitere Unterscheidungen nach sich, die Anschluss­kommunikationen schaffen usw. Dieser Sinnbegriff läuft unserem herkömmlichen Denken zuwider, nachdem Sinn etwas Besonderes ist,  das durch eine außergewöhnliche Leistung entsteht und eine besondere Bedeutung besitzt. In der astrologischen Beratung merken wir, dass jede Aussage auf irgendeine Weise treffend ist. Es gibt keine ‘falschen’ Deutungen. Sogar wenn wir das falsche Horoskop vor uns liegen haben, kann eine Beratung ‘Sinn’ ergeben.

 

Für das Wort Sinn kann auch der Begriff Information gebraucht werden. Information ist nach Bateson ein Unterschied im System, der in nachfolgenden Operationen einen Unterschied macht. Dier Systemstruktur muss gegen die natürliche Tendenz zur Sinnverdichtung und zur Beseitigung aller Ungewissheiten künstlich offengehalten werden und unterspezifiziert bleiben…][3]. Systeme sind also nichts feststehendes, an denen sich menschliches Verhalten ‘abarbeitet’, sondern etwas wandelbares, in denen Menschsein überhaupt erst entsteht.[4]

 

Damit sind wir bei der zweiten Prämisse soziologischer Systemtheorie. Nicht der Mensch kommuniziert, sondern die von ihm geschaffenen sozialen Systeme. Das erscheint nun völlig absurd. Denn die Aufklärung, mit der auch die soziologische und psychologische Wissenschaft entstand, geht von der Existenz des Subjektes aus und dessen Möglichkeit zur Freiheit. Es erscheint als ein Rückschritt, die Errungenschaft des Individuums, das Jahrtausende lang durch kirchliche und weltliche Herrscher geknechtet wurde, aufzugeben. Wenn Menschen nicht ‘Herr ihrer Kommunikation’ sind, können sie kaum empfänglich für Aufklärung sein. Doch es ist nur ein Perspektivwechsel, der wirkliche Autonomie überhaupt erst möglich macht.  Luhmann geht von der getrennten Existenz sowohl psychischer als auch sozialer Systeme aus, zwischen denen der Mensch als  seltsamer Swidder erscheint; ein Konglomerat von körperlichen Systemen und Bewusstseinssystemen, die miteinander in Wechselwirkung stehen und selbstorganisierte Strukturen hervorbringen. Menschen sind nur die Träger dieses Bewusstseins, dass sich selbst organisiert.

 

Auch die sozialen Systeme organisieren sich selbst und bedienen sich des Menschen. Zwischen ihnen und den psychischen Systemen besteht kein kausaler Zusammenhang, beide konstruieren ihre Umwelt durch selbst gesetzte Grenzen, in denen der andere nicht vorkommt. Der Mensch ist für den anderen Menschen Umwelt und nicht System. Damit kann auch kein Mensch mit dem anderen in direkter Weise ‘kommunizieren’, so dass eine systematische Anschlusskommunikation möglich ist. Er ist gefangen in der ‘doppelten Kontingenz’, wie Luhmann es sagt, der beidseitigen Beliebigkeit der Erwartungen und Erfahrungen. Wir können hören, was der andere sagt, aber wir können nicht wissen, was er dabei denkt und wie er es meint. Sein Bewusstsein bleibt für uns eine Black Box, ein verschlossener Apparat, in dem man den Input und den Output beobachten kann, aber nicht die internen Operationen. Um uns zu verstehen, müssen wir von uns selbst abstrahieren und die üblichen Kommunikationssysteme benutzen. Das Ich bleibt dabei eine abstrakte Konstruktion.

 

Wenn wir mit Saturn/Uranus die Unterscheidung zwischen alt und neu treffen, dann können wir immer nur eine Seite des Sachverhalts beobachten (konstruieren) und wir können im selben Moment der Unterscheidung nicht sehen, was wir unterscheiden. Wenn wir uns entscheiden, etwas ‘Neues’ zu bezeichnen und es mit uranischen Begriffen zu unterlegen, dann schließt sich die gleichzeitige Betrachtung der Eigenschaften, die für Saturn stehen, aus. Das ‘Neue’ ist aber in dem Moment schon veraltet, in dem es erscheint. Wie schnell für ein System etwas veraltet ist, entscheidet es allein aus seinen Maßgaben. Jedes System hat also seinen eigenen Saturn und seinen eigenen Uranus (respektive der Vorstellungen über das was neu oder veraltet ist), der mit den Vorstellungen der anderen Systeme über ihren Saturn und Uranus aktualisiert werden muss.

 

Dies geschieht polykontextural in Beobachtungen 2. Ordnung über sich selbst, die weiter an die eigenen Unterscheidungen gebunden bleibt und wiederum einen blinden Fleck hat. Auf der Suche nach Neuem werden wir nie unser eigenes ‘Veraltetsein’ wahrnehmen können. Wir werden so auch nie den ‘wahren Uranus’ zu greifen bekommen. Aber wir werden uns selbst immer besser in Bezug auf die Bereitschaft für ‘Neues’ in Bezug auf die Umwelt kennenlernen und so auch die anderen 59 Unterscheidungen, die durch die Planetenmatrix angelegt sind.

 

Indem der Mensch aus dem unmittelbaren Jetzt der Instinktwelt herausgetreten ist, wie im letzten Kapitel beschrieben, hat er mit der Zeit eine unüberschaubare Welt gesellschaftlicher Zusammenhänge erschaffen, die wir von klein auf erlernen müssen, um Entlastung zu bekommen. Damit sind wir bei der dritten Prämisse von Luhmanns Gesellschaftstheorie. Der Mensch ist ständig bestrebt, Komplexität zu reduzieren. Sie erleichtern ihm das Zusammenleben und reduzieren die Notwendigkeit, in jeder Situation neu die Bedingungen auszuhandeln. Menschliche Kultur ist sehr schnell komplex geworden und brauchte eine Art ‘Vorsortierung’, um das Zusammenleben zu bewältigen. Astrologische Kategorien sind eine sehr frühe Darstellung der Kopplung von psychischen und gesellschaftlichen Systemen. Die Symbole stehen sowohl für die verschiedenen psychischen Anteile im einzelnen Menschen, als auch für die sozialen Bezugssysteme, in denen er operiert. Ein Mars steht beispielsweise für den Antriebsüberschuss im Funktionssystem einzelnen Menschen, aber auch für die Systeme der Gesellschaft, die mit Aggression umgehen, wie Sportvereine, Managementkurse oder das Militär.

 

Jeder Planet entspricht einer spezifischen Funktion, die in beiden Systemen, den psychischen und den sozialen, auftreten und verkoppelt werden müssen. Identität entsteht in dem Dazwischen der Kommunikation, in der Selbstfindung des Menschen als Zwischenzustand von autopoietischen Systemen, deren Operationen auch ohne sein bewusstes Zutun ablaufen. Das ist die vierte Prämisse der Systemtheorie. Soziale und psychische Systeme erhalten sich selbst. Sie erzeugen die für sie notwendigen Funktionen aus sich selbst heraus und damit das, was Systemtheoretiker Emergenz nennen. Es entstehen immer wieder neue Eigenschaften quasi ‘aus dem Nichts’, ohne das zu beobachten wäre, wie dies geschehen würde. Gesellschaftliche und psychische Systeme schaffen immer neue Ordnung und zwingen uns zu ständiger Aktualisierung.

 

Auch diese Vorstellung läuft dem Verstand zuwider. Eine Wirkung muss für uns auch eine Ursache haben, es kann nichts aus dem Nichts entstehen. Das tut es auch nicht. Doch nur das System selbst ‘weiß’, was es ‚wirklich‘ tut. Es ist nicht möglich, in ein solches System hineinzuschauen, ohne es zu manipulieren. Wir können komplexe Systeme nicht objektiv betrachten. Und damit können wir auch eine für die Astrologie sehr wichtige Tatsache nicht. Wir können nicht in die Zukunft dieser Systeme schauen.[8] Zumindest nicht in streng kausaler Weise. Wir können nach Mustern Ausschau halten und Modelle aufgrund von Erfahrungen entwickeln. Doch können wir niemals vorhersagen, was auch nur in der nächsten Sekunde geschehen wird, weder in unseren sozialen Systemen, noch in unserem eigenen Bewusstsein. Denn auch dieses ist in einer Black Box gefangen, die unserer eigenen Wahrnehmung unzugänglich ist. Wir können allerdings aufgrund von Beobachtungen 2. Ordnung wissen, dass wir etwas nicht wissen und uns etwas ausdenken, das die Lücke füllt.

 

Und damit sind wir bei der fünften Prämisse Luhmanns. Alle Funktionen und Handlungen sind grundsätzlich ersetzbar. Kein Bestandteil des Systems ist ‘heilig’. Es gibt keinen Kern, an dem alles andere hängt, sondern eine Mehrfachbesetzung aller Funktionen, die füreinander äquivalent ersetzbar sind. Die Niere kann bis zu einer gewissen Grenze Funktionen der Leber im Körper mit übernehmen, das Ohr im Ausnahmefall sehen und das Auge hören. Die ganze Evolution ist eine einzige Maschinerie des Ausprobierens von Funktionsäquivalenzen und so ist es auch mit den sozialen Systemen der menschlichen Co-Evolution. Die Physik übernimmt Teile der Chemie, die Chemie der Biologie, die Biologie der Soziologie, die Soziologie der Medizin, die Medizin des Rechts usw.[13]

 

Auch diese Sichtweise ist nicht sofort einsichtig. Sie erscheint erst, wenn man tief in die Funktionen der Systeme eindringt und ihre Entwicklung studiert. Vor dem ‘normalen’ Auge ist jedes Individuum wie ein einzigartiges Wunderwerk, erschaffen aus einem ‘Bauplan’, der ihn auf vorbestimmte Weise wachsen lässt.[14] Doch tatsächlich ändert sich dieser Bauplan mit der Entwicklung. Es bleibt uns deshalb meist verborgen, weil unsere Wahrnehmung auf das Statische ausgerichtet ist und nach stabilen Figuren sucht. Und so nehmen wir auch die uns umgebende Gesellschaft als etwas Ganzes dar, obwohl sie ständig in Veränderungen begriffen ist und nur in unserer Vorstellung als Einheit existiert.

 

Das Horoskop bildet einen derartigen sich ständig ändernder Bauplan eines abstrakten Selbst ab, das in der Wechselwirkung der Systeme entsteht. Seine Bestandteile sind komplex genug, um viele Arten von Funktionen abzubilden und ineinander überführbar zu machen. Gleichzeitig ist es aber auch begrenzt genug, um so etwas wie eine Struktur für uns darzustellen, die wir uns merken können. In diese Struktur eingebettet sind die unterschiedlichsten Modelle von Systemen erster und zweiter Ordnung, wie sie uns in der Umwelt erscheinen. Das Horoskop ist keine Blaupause des Menschen, sondern ein Abbild der Kommunikationsmöglichkeiten, die sich aufgrund des Datums seiner Geburt als Vorschlag ergeben.[15] Der Eindruck von Identität resultiert aus dem wiederholten Operieren  mit Prämissen, die sich auf Dauer zu bewähren scheinen. Wir bleiben bei Handlungsmustern, die sich für uns einmal als erfolgreich gezeigt haben und sind in der Lage, sie zu gleichwertige Äquivalente zu ersetzen, ohne die Gesamtstruktur zu zerstören. Astrologisch gesprochen: Venus sucht nach Mars und Mars wieder nach Venus in endloser Selbstreferenz nach dem idealen Partner. Venus=Mars²=Venus²=Mars³=Venus³…

 

Die Sprache hält dafür einen Schatz von Werten bereit, durch die wir unsere gewonnenen Überzeugungen ausdrücken. Und damit sind wir bei der sechsten Prämisse, die Luhmann von  Heinz von Foerster übernommen hat. Auch sie widerspricht unserem direkten Empfinden. Eigenwerte des Systems sind in erster Linie Hilfen zur Anknüpfung an Kommunikationen mit anderen Systemen und sind keine ‘feststehenden Konstanten’. Sie sind verhandelbare Größen, die in wechselseitiger Beziehung stehen und auf der Gegenseite die Gefahr eines Ungleichgewichts bergen. Wenn ich als Sozialwissenschaftler den Wert der Kultur und der Sozialisierung hochhalte, dann versuche ich andere Systeme anzusprechen, die eher ‘roher’ veranlagt sind. Ich lasse mich irritieren von ‘asozialen’ Verhaltensweisen, die ich aber selbst an mir gar nicht beobachten kann, indem ich mit der Gegenseite des Sozialen beschäftigt bin. Je mehr ich aber mich und meine Aggressivität ‘beherrsche’, desto mehr muss ich auch auf eine reale Betrachtung von direkter, spontaner Entäußerung verzichten. Das Streben nach Kultur bedingt einen Verzicht auf archaische Riten. Das ist besonders für die Astrologie nicht ganz leicht, will sie sich in einem sozialwissenschaftlichen Umfeld etablieren.

 

Die Astrologie selbst ist wie die Systemtheorie selbst kein leicht einzukreisendes Kommunikationssystem, da sie gewissermaßen ‘System der Systeme’ sind.[18] Beide Theorien sind zwangsläufig selbstreferentiell und damit noch mehr in Paradoxa verwickelt, als andere Systeme. Das entspricht der siebten Prämisse Luhmanns. Systemtheorie muss damit leben, dass ihre Kommunikationen ‘entarten’. Das ist nicht weiter schlimm, da Systeme dazu neigen, von selbst Inseln der Stabilität auszubilden. Wesentlich ist allein der Fortlauf der Kommunikation. Und die läuft in der Astrologie seit Jahrtausenden ununterbrochen ab ohne je so etwas wie ‘dem Schlüssel für den Menschen’ oder ‘dem Zukunftssystem’ näher gekommen zu sein. Die Störungen und Irritationen, die von der Astrologie an andere Systeme ausgehen, halten die Suche aufrecht.

 

Mehr in Astrologische Soziologie, Band I