Die Beziehung zwischen Vater und Sohn bereitet, wie die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, auf die Bindung zum eigenen Geschlecht in unserem Leben vor. Mit Zunahme von Produktionsprozessen, Verstädterung und Rollenaufteilung der Kleinfamilie in der Geschichte wird die Beziehung von Vater und Sohn durch die Abwesenheit des Vaters und Vaterfiguren erschwert. Wo früher der Sohn den Beruf des Vaters erlernte, mit den Männern auf das Feld ging oder abends den Geschichten des Großvaters lauschte, ist heute ein Alltag mit wenig Gelegenheit zur gemeinsamen Arbeit und Freizeit gegeben. Die Folge davon ist, das zunehmend Mütter auch die Vaterrolle ausfüllen müssen, dass Beziehungen auseinander gehen und Väter ganz verschwinden, dass Söhne in der Produktions-Gesellschaft zum großen Teil ohne die adäquate Vaterfigur aufwachsen, die für ihre Identitätsbildung wichtig ist. Ein negatives Bild junger Männer als Muttersöhnchen, sowie auf der anderen Seite einer „patriarchalischen, brutalen, von Männern beherrschten Welt“ entsteht, ohne dass die dahinter liegenden Ursachen und Konflikte verstanden sind.

 

 

Die vaterlose Gesellschaft

 

 

Die Entwicklung der „vaterlosen Gesellschaft“ begann vor vielen tausend Jahren mit der Ausbildung von Stadtstaaten und der Reglementierung des Alltags durch die verschiedenen Produktionsprozesse. Der Kampf um Boden und religiöse Vorherrschaft schuf Berufe des Priesters, Soldaten und Kaufmann, die eine häufige Distanz von der Familie notwendig machten und bei denen die Söhne nicht mitgenommen werden konnten. Söhne wuchsen zunehmend nicht mehr im bäuerlichen Familienverband oder auf der Jagd auf, sondern in der Obhut der Frauen. Sie wurden zwar bevorzugt behandelt, weil sie das Fortkommen der Familie sichern sollten, sie standen aber auch zunehmend unter einem Verhaltensdruck, den Anforderungen nicht nur des Familiensystems, sondern auch denen der Institutionen der Gesellschaft gerecht zu werden. Damit wuchs auch die Identifikation mit der geschlechtlichen Rolle und die Trennung dieser Rollen innerhalb institutioneller Einrichtungen, wie wir sie Jahrtausende als „normal“ erleben.

Patriarchalische Strukturen, männliche Dominanz in allen Bereichen der Gesellschaft sind erklärbar aus dem Verhaltensdruck, der Söhne von klein auf dazu erzieht, keine Gefühle zu zeigen, hart zu sein gegen sich selbst und sich durchzusetzen. Dies hat allerdings psychische Konsequenzen. Ein Mann, der „scheitert“ ist eher in Gefahr, von der Familie ausgestoßen zu werden, als eine Frau. Junge Männer leiden unter dem Druck der Leistungsgesellschaft mehr als junge Frauen, sie nehmen mehr Drogen und Alkohol zu sich, sind häufiger Internetsüchtig, können sich dem Überangebot von Pornographie nur schwer entziehen, ziehen später zu Hause aus, arbeiten härter und sterben in der Konsequenz der mangelnden Liebe, die sie sich nicht selbst geben können, auch ca. 6 Jahre früher als Frauen. Sollten sie schon in jungen Jahren eine Familie gründen, so ist sie Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Beziehung zerbricht und sie vom Kind getrennt leben. Dies betrifft vor allem die „Generation X“ mit Uranus/Chiron-Opposition, bei denen lang dauernde Partnerschaften zur Ausnahme wurden.

 

Männer können in jungen Jahren schon alles verlieren und die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns ist bei Männern, die ohne positive, väterliche Identifikation aufwachsen viel höher, als bei Männern, deren Vater präsent war und der seinen Sohn unterstützt hat (siehe auch Melanie Kleins Objektbindungstheorie). Es ist ein Teufelskreislauf, denn aus den Söhnen ohne Väter werden Männer, die ihren Söhnen wiederum nicht das geben können, was sie brauchen. Die heutige Wirtschaftskrise kann vielleicht aus dem mangelnden Selbstwert von Männern zu erklären sein, die niemals die Stabilität einer dauerhaften Beziehung und das Selbstverständnis einer Heimat, die Festigkeit einer eigenen, stabilen Familie und die Positivität der männlichen Attribute hierin erfahren haben.

 

 

Vollständiger Artikel in www.meridian-magazin.de/10_5/inh.htm